Die Geschichte des Naturkundemuseums Leipzig

1) Das Naturkundliche Heimatmuseum von 1906 bis 1947

2) Das Naturwissenschaftliche Museum von 1961 bis 1992

3) Der Überlebenskampf des Naturkundemuseums seit 1994 bis 2012

1993
Der Schweizer Dr. Rudolf Schlatter, der für die Einrichtung des Naturkundemuseums in Schaffhausen den "Museums euward" erhielt, wird Direktor des Leipziger Naturkundemuseums u.a. mit dem Auftrag, das Museum zu modernisieren.

7. Januar 1994
Wiedereröffnung nach einer fünf Monate dauernden Schließung für Sanierungsarbeiten. In diesem Zusammenhang erfolgten auch prinzipielle Untersuchungen zum technischen und planerischen Potential des Hauses. Die bestehende Organisation des Museums in dem als Schule errichteten Gebäude wurde von der Verwaltung als besucherunfreundlich und denkbar altbacken festgestellt. Auch bei Ausbau des Dachgeschosses und systematischen Umnutzungen würde das Raumangebot des bestehenden Gebäudes nicht ausreichen. Der technische Zustand des Tragwerks wurde als besorgniserregend und die weitere Standzeit als schwer kalkulierbar eingeschätzt.

bis 1996
1996 wird ein Umbauprojekt vorgestellt, welches von der Museumsleitung seit 1994 mit dem Architekten A. Haberbeck erarbeitet wurde. Es sah eine Erweiterung des Museums im Vorfeld durch eine unterirdische Ausstellungsfläche für Sonderausstellungen und mit einem gläsernen Kegelstumpf auch eine umfassende Aufwertung des Vorplatzes vor. Der dafür geschätzte finanzielle Aufwand wurde mit 18,78 Mill. DM veranschlagt. Aus Kostengründen wurde dieser Vorschlag nicht weiter verfolgt. Die Stadtverwaltung äußerte sich zwar positiv zu diesem Projekt, forderte aber, noch nach Alternativen zu suchen. Bereits im Jahr 1995 erfolgten Sondierungen nach möglichen Alternativstandorten wie dem Gasometer der Stadtwerke Leipzig GmbH oder der Industriebrache am Zoogelände. Erfolgversprechende Ergebnisse gab es nicht.

bis 1999
Im Jahr 1999 verstarb Dr. Ludwig Schellhammer. Die Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten in der Abteilung Botanik wurde gestrichen.

2000
Im Jahr 2000 entstand eine Studie zur Unterbringung des Naturkundemuseums in der Kongresshalle mit dem Hintergrund, Synergien von Zoo und Museum zu wecken, ggf. das Museum in den Zoo zu integrieren und gleichzeitig ein Konzept für die ungenutzte Kongresshalle zu finden.
Seitens der Stadtverwaltung  wird ein Konzept erarbeitet, welches einen eingeschränkten Betrieb des Museums mit Reduzierung des Personals auf 7,5 Stellen vorsieht. Grund ist die mangelnde Bereitschaft der Stadtverwaltung, die Auflagen des Brandschutzes und des AsiD baulich umzusetzen.
Dank des massiven Protests aus der Bevölkerung und der Ablehnung solcher Maßnahmen im Stadtrat wurde der eingeschränkte Betrieb noch abgewendet, nicht aber die Stellenkürzung. Der Förderverein führte im Kampf um die Offenhaltung und Bewahrung des Naturkundemuseums im Herbst 2000 und am 14.06.2001 auf außerordentlichen Mitgliederversammlungen die Diskussion mit Kulturbürgermeister Dr. Girardet. Hier finden Sie Ausschnitte aus der Diskussion.
Mit der Entlassung von Herrn Hans-Jürgen Thorwarth hat das Naturkundemuseum keine Abteilung Grafik und Gestaltung mehr. Ebenfalls wurde mit Herrn Reichards Entlassung die Stelle des Sicherheitsbeauftragten gestrichen.

2001
Das beauftragte Architekturbüro Haberbeck legte eine Studie zur Realisierung der Zoo-Variante vor. Diese wurde dann aber nicht weiter verfolgt. Der Zoo befand sich gerade in der Privatisierungsphase und hatte Angst, dass das Naturkundemuseum weniger Partner sondern mehr ein preiswerter Konkurrent um die Besucher sein könnte. Zudem gab es Dissens zu Teilen der Bevölkerung, die die Tradition der Kongresshalle als Veranstaltungsort gewahrt wissen wollten.

2002
Nach einer erfolgreichen Vorprüfung erstellt das Hochbauamt eine „Studie zur Unterbringung von Verwaltung, Werkstätten und Magazinen des Naturkundemuseums im Gebäude der Mittelschule Martinstraße 7".
In den Jahren 2001/02 wurden für 25.000 € Brandschutztüren in den Treppenhäusern nachgerüstet.
Mit der Entlassung von Herrn Friedemann Winkler wird die letzte Stelle eines Mitarbeiters in der Abteilung Ur- und Frühgeschichte weggekürzt.
Zudem wird Frau Sylke Rohmer entlassen, so dass das Naturkundemuseum keinen eigenen Restaurator für alte Kunstgegenstände und Artefakte mehr hat. Frau Rohmer mietet als selbstständige Restauratorin einen Arbeitsraum im Naturkundemuseum an.


2003
Eine Kostenschätzung des Ingenieurbüros Hansen ergab für die nach Auslagerung von Verwaltung, Werkstätten und Magazinen notwendige Instandsetzung und Modernisierung des Naturkundemuseums Gesamtbaukosten in Höhe von Brutto 4,614 Mill. €. Dies war der Verwaltung eine Modernisierung des Naturkundemuseums nicht wert.
Auch ein weiterer Entwurf für eine Erweiterung bzw. Umgestaltung des Hauses Pfaffendorfer Str. 1 (Gastmahl des Meeres) durch Ergänzung eines Zwischenbaues war der Verwaltung mit Kosten in Höhe von Brutto 3,0 Mill. € zu teuer.
Der Präparator des Naturkundemuseums Horst Spikale geht in seinen wohlverdienten Ruhestand. Seine Stelle wird gestrichen, so dass das Museum auf unabsehbare Zeit keinen Präparator mehr hat

2004
Der Stadtrat hatte die Verwaltung beauftragt, bis zum 30. Juni 2004 ein Entwicklungskonzept für das Naturkundemuseum vorzulegen. Im August legte das Architekturbüro Haberbeck eine neue Machbarkeitsstudie vor, die davon ausgeht, dass die Arbeitsräume der Beschäftigten, die Magazine für die Sammlungsbestände und die Werkstätten ausgelagert werden. Das Museumsgebäude soll in Würdigung des historischen und städtebaulichen Wertes des Standortes als reines Ausstellungsgebäude fungieren. Die Grobkostenschätzung in Höhe von 4,6 Mill. € wurde bestätigt, ergänzt um etwa 1,0 Mill. € für museumsspezifische Einrichtungen (Vitrinen, Installationen etc.).  Der Direktor Dr. Schlatter untermauerte die Machbarkeitsstudie mit einem thematischen Nutzungskonzept "Was ist Leben ?".
Doch statt nun der Festlegung auf den historischen Standort zu folgen, beauftragte der Oberbürgermeister den Beigeordneten für Kultur mit der Prüfung der AGRA als möglichen Standort.
Mit 2 Stellen, darunter die der Verwaltungsleiterin Jana Nietzschmann, wird dem Museum die Verwaltung weggekürzt. Zwar werden Aufgaben der Verwaltung erklärtermaßen vom Kulturamt übernommen, aber der Direktor muss nun ohne Managerin und Sekretärin den größten Teil von deren Arbeiten selbst mit bewältigen.
Auch Frau Christine Becker verlässt das Naturkundemuseum, da sie hier keine Perspektive mehr sieht. Ihre Abteilung Bibliothek und Dokumentation muss Herr Mario Graul übernehmen, so dass seine bisherige Stelle eines zoologischen Präparators (Wirbellose) ersatzlos gestrichen wird.

2005
Herr Kai-Uwe Schöber wird ins Schulverwaltungsamt umgesetzt, seine Stelle als wissenschaftlicher Assistent der Abteilung Geologie ersatzlos gestrichen.

Oktober 2006 - Im Dunkeln geschlossen
Wegen fehlender Mittel für die notwendige Installation einer Notbeleuchtung in den beiden Treppenhäusern wird das im Jahr 2000 geplante Konzept des "eingeschränkten Betriebes" ab November umgesetzt und das Naturkundemuseum muss seitdem jeweils in der Winterzeit (Ende Oktober bis Ende März) ab 16.30 Uhr das Haus schließen.
Die verschiedenen naturkundlichen Fachgruppen, die wochentags fast täglich im Hause aktiv sind und am Bildungsauftrag des Museums seit langen Jahren wesentlichen Anteil haben, können nur sehr eingeschränkt im Erdgeschoss ihre öffentlichen Veranstaltungen durchführen.


2007
Auf der Basis des 2004 erarbeiteten Nutzungskonzeptes wurde nun eine Entwurfsplanung durchgeführt. Sie beinhaltet die Umgestaltung des Stammhauses zu einem reinen Ausstellungsgebäude und den Neubau eines Funktionsgebäudes zur Unterbringung der Arbeits- und Magazinräume in unmittelbarer Nähe des Stammhauses. Die geschätzten Kosten beliefen sich auf insgesamt 8.663.200 €, davon 7.645.750 € für das Stammhaus und 1.005.550 € für den Neubau.
Zudem wurde 2007 ein wissenschaftlicher Beirat berufen, der die weitere Entwicklung des Museum fachlich begleiten sollte.
Der Diplom-Biologe Michael Meyer tritt seinen verdienten Ruhstand an. Mit der Streichung seiner Stelle ist die Abteilung Wirbeltierzoologie auf unbestimmte Zeit ohne wissenschaftlichen Kurator.

2008
Auf Empfehlung des wissenschaftlichen Beirates wurde ein Konzept "Naturkundemuseum Leipzig - Schulterblick" in Auftrag gegeben. Zur weiteren Qualifizierung des Konzeptes bewilligte der Stadtrat 30.000 €.
Mit dem Vorruhestand des Diplom-Geologen Reinhardt Baudenbacher wird auch seine Stelle gestrichen. Nun ist auch die Abteilung Geologie auf unabsehbare Zeit ohne wissenschaftlichen Kurator. Der Direktor des Naturkundemuseums Dr. Rudolf Schlatter, weil Geologe, wird vom Kulturamt genötigt, zusätzlich zu seinen vielen Aufgaben auch noch die Betreuung der geologischen Sammlungen zu übernehmen.
Zum Ende des Jahres geht auch der Kurator der Abteilung Botanik Dr. Horst Schaarschmidt in den Ruhestand.

Auf Drängen des Direktors und des wissenschaftlichen Beirates wird die Stelle des Präparators ausgeschrieben. Die vorläufig auf zwei Jahre befristete Stelle erhält der international renommierte Präparator Rene Diebitz. Ihm wird zusätzlich die Betreuung der Wirbeltiersammlungen übertragen.

2009
Unter dem Leitthema "Das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur am Beispiel der Kulturlandschaft um Leipzig" wird das vom wissenschaftlichen Beirat initiierte Konzept vorgestellt, welches die Dauerausstellung in die Grundelemente Wasser, Feuer, Erde und Luft unterteilen will. Dieses Konzept hat zwar in der Analyse und in den interaktiven Lösungen ein paar gute Ansätze, wird aber vom Förderverein und den Mitarbeitern des Museums als ein Konzept der Beliebigkeit abgelehnt. Der ganz entscheidende Nachteil dieses Konzeptes ist das Zerreißen von Ökosystemen (Lebensräumen) in die Elemente, die dann in unterschiedlichen Etagen präsentiert werden sollten. Dieses vom wissenschaftlichen Beirat favorisierte Konzept steht im Widerspruch zur modernen, bisher im Leipziger Naturkundemuseum praktizierten, ganzheitlichen ökologischen Darstellung von Lebensräumen. 
Obwohl es 2007 endlich eine Festlegung des Kulturamtes zum bestehenden Standort gab, werden durch den neu berufenen Kulturbürgermeister Michael Faber nun wieder neue Standorte untersucht. Von den untersuchten Objekten bzw. Varianten scheint uns vor allem das Gebäude am Tröndlinring 3 (ehemaliges Landratsamt) die einzig geeignete Alternative zum jetzigen Standort zu sein.
Vor allem auch auf Drängen des wissenschaftlichen Beirates wird im Sommer die Stelle des im letzten Jahr in Ruhestand gegangenen Botanikers mit dem Diplom-Biologen Karl Heyde wieder besetzt.

2010
Alternativ zum Konzept "Feuer, Wasser, Erde, Luft" legt der Direktor des Naturkundemuseums Dr. Schlatter das Konzept "50 Millionen Jahre Klima- und Landschaftsgeschichte" vor, welches unter dem Grundgedanken einer Zeitreise einen zusätzlichen Sammlungs- und Ausstellungsschwerpunkt als "Klima- und Landschaftsarchiv Mitteldeutschlands" hat. Damit würde die Dauerausstellung zusätzlich ein regionales Element mit überregionaler Bedeutung erhalten.
Im Laufe des Jahres weckt der Neuaufbau der Präparationswerkstatt mit 40.000 € aus dem Konjunkturpaket II Hoffnungen.
Doch was nutzen alle schönen Konzepte und Planungen, wenn im September der Oberbürgermeister Burkhard Jung in den Medien erklärt: "Die Schließung des Naturkundemuseums ist alternativlos." Auch wenn in der Folge beschwichtigend von einer temporären Schließung der Ausstellungsbereiche gesprochen wird, so haben die vielen gebrochenen Zusagen des früheren Beigeordneten Girardet und des Kulturamtes uns eins gelehrt: Was dem Naturkundemuseum erst einmal genommen wurde, kam nie wieder! Der Überlebenskampf des Leipziger Naturkundemuseums hatte erneut begonnen. Die drohende Schließung bewirkte in der Bevölkerung einen breiten Aufschrei - ca. 50 Petitionen für das Naturkundemuseum wurden beim Stadtrat eingereicht. Unsere Besucherpetition wurde von mehr als 23.000 Bürgern unterzeichnet.
Doch kaum war die Präparationswerkstatt fertig, hatte das Museum keinen Präparator mehr. Die Stadtverwaltung war nicht bereit, den vorläufig auf zwei Jahre befristeten Vertrag des Präparators Rene Diebitz entsprechend der Verlängerungsoption zu entfristen.

2011
Obwohl das Naturkundemuseum finanziell und personell unter dem Existenzminimum liegt, folgt der Stadtrat trotz massiver Bürgerproteste  der Verwaltungsvorlage und kürzt die finanziellen Mittel des Museums weiter. Im Sommer ist das Naturkundemuseum dann faktisch pleite, kann aber durch Umschichtungen im Kulturamt und mit finanzieller Unterstützung des Fördervereins weiter arbeiten.
Auf massiven, von uns mit initiierten, öffentlichen Druck wird die Stelle des Präparators erneut ausgeschrieben und der Meisterpräparator Rene Diebitz wieder eingestellt.
Am 24.08. beschließt der Stadtrat die Erarbeitung eines Masterplanes für die Zukunft des Naturkundemuseums. Hat der fünfte Anlauf einer Zukunftsplanung endlich eine Chance?
Doch den absoluten Tiefschlag versetzte das Kulturamt dem Naturkundemuseum am 23.11. mit der Verkündung der unbefristeten Sperrung der Dauerausstellung aus brandschutztechnischen Gründen. Diese Gründe haben zwar ihre fachliche Berechtigung, aber die Sperrung wurde vom Kulturamt forciert, weil man am Naturkundemuseum noch mehr Geld einsparen will. Werden die Leipziger damit auf unabsehbare Zeit um ihr Naturkundemuseum betrogen?

2012
Im März endlich kommt es zur Auftragserteilung für den Masterplan. Allerdings empfanden wir die im Auftrag formulierte Einbindung des Fördervereins als äußerst mangelhaft und haben mit allen demokratischen Mitteln bis hin zur Einwohneranfrage um die frühzeitige prozessbegleitende Einbindung bei der Erarbeitung des Masterplanes gekämpft. Vergeblich, denn die Kulturverwaltung unterband mit aller Härte jegliche konstruktive Einbringung.
Auch für das 100-jährige Jubiläum der Eröffnung der Dauerausstellung hatte die sonst feierfreudige Stadtverwaltung nichts übrig. Während andere, nicht so runde Jubiläen von der Stadt üppig gefeiert wurden, improvisierte der Förderverein zum Jubiläum am 05.06. einen kleinen Festakt mit der feierlichen Übergabe einer Baumspende vor dem Museum, die nun dauerhaft an das Ereignis erinnern soll. Das Schweigen der als Vertretung der Stadtverwaltung anwesenden Kulturamtsleiterin sprach Bände.
Am 07.07. feierten die Fachgruppen und Vereine im Förderverein das Jubiläumsjahr mit einem Museumsfest vor dem Naturkundemuseum unter dem Motto "Mein Herzblut für das Naturkundemuseum".
Die für September angekündigte Veröffentlichung des Masterplanes verzögert sich, da der Oberbürgermeister Burkhard Jung weitere Standorte zur Prüfung in Auftrag gibt. Auf Drängen des Fördervereins wird auch das ehemalige Landratsamt am Tröndlinring 3 als potentieller Standort für das Naturkundemuseum zur Prüfung beauftragt. Die Auftragsverlängerung zur Erarbeitung soll nun bis Januar 2013 dauern.
Nach der Abarbeitung von Brandschutzauflagen dürfen seit November Gruppen bis maximal 15 Personen durch die Dauerausstellung geführt werden. Dies verbessert die Situation für die Museumspädagogen. Allerdings bleibt die Dauerausstellung für Individualbesucher auf unabsehbare Zeit gesperrt.

Wir warten auf den Masterplan !!!